Carters Sicht: Night School, Kapitel 21

NIGHT SCHOOL - German jacketCarter knallte das Schlafzimmerfenster zu. Er musste sich konzentrieren. In letzter Zeit war so viel passiert, dass er seine Hausaufgaben vernachlässigt hatte, und wenn er die jetzt nicht nachholte, würde Zelazny ihm erneut einen Arrest aufbrummen. Doch es war schon spät, nach elf, und er hatte erst den Essay über die Rosenkriege fertig und noch jede Menge vor sich.

Erschöpft und resigniert nahm er sich das Biobuch vor, obwohl die Buchstaben schon vor seinen Augen verschwammen. Doch gerade als er die erste Antwort auf ein neues Blatt Papier schrieb, erregte etwas – eine winzige Bewegung, eine kleine Lichtveränderung – seine Aufmerksamkeit, und er blickte zum Fenster.

Statt in den Nachthimmel sah er direkt in ein unnatürlich bleiches Gesicht, das ihn aus der Dunkelheit anstarrte. Erschrocken schrie er auf und fuhr so schnell hoch, dass sein Stuhl zu Boden fiel.

Draußen auf dem Sims im zweiten Stock stand Allie. Sie hielt sich am Fensterrahmen fest und schien sich köstlich zu amüsieren. Carter registrierte die weichen Linien ihres Gesichts und das dunkle Haar, das im Wind flatterte. Ihre weiße Baumwollbluse hing aus dem Uniformrock heraus. Wie immer, wenn sie über ihn lachen musste, zuckten ihre Mundwinkel.

So cool wie möglich ging Carter zum Fenster und öffnete es.

„Verdammt, was …“

„Ich kann nicht schlafen“, flüsterte sie. „Willst du rauskommen und mit mir spielen?”

Sein Herz tat einen Freudensprung, doch er behielt seinen missbilligenden Gesichtsausdruck bei. „Spinnst du? Komm rein, bevor du dich zu Tode stürzt.“

Als sie durchs gewölbte Fenster kroch, rutschte ihr kurzer Faltenrock hoch. Carter tat, als ob er es nicht bemerkte.

Allie war noch nicht vom Schreibtisch herunter, da fing sie auch schon an zu schimpfen: „Katie ist so eine Drecksschlampe.“

O je. „Unbestritten.“

Sie schien außer sich. Abwartend sah Carter zu, wie Allie wild gestikulierend im Raum auf und ab lief wie ein Tiger im Käfig. Jedes Mal wenn sie kehrtmachte, quietschten ihre Schuhe, und während sie ihm erzählte, was tagsüber passiert war, schwangen in ihrer Stimme aufrichtige Empörung und Kränkung mit.

Als sie beschrieb, wie Sylvain sie dann vor Katie und ihren Freundinnen in Schutz genommen hatte, erstarrte Carter, und seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Was ist das bloß mit diesem verdammten Sylvain? Wieso ist der immer zur Stelle, wenn sie Hilfe braucht? Wie schafft er es, dass immer er derjenige ist?

Plötzlich war Carter genauso aufgebracht wie Allie. Verrückt, dass ihm das alles so viel ausmachte.

Eigentlich hatte er Allie anfangs gar nicht sonderlich gemocht. Er hatte ihr unterstellt, dass sie mehr wusste, als sie zugab, dass sie ein falsches Spiel trieb – eine neue Schülerin, die ganz unbedarft tat, um Aufmerksamkeit zu heischen. Eine Schauspielerin. Doch irgendwann hatte er begonnen ihr zu glauben. Es schien ihr wirklich alles neu zu sein auf Cimmeria. Dauernd trat sie in irgendein Fettnäpfchen, und ihre Naivität machte sie angreifbar. Deshalb tyrannisierten Katie und ihre Freundinnen sie – und von Sylvain hatte Carter das anfangs auch gedacht. Aber jetzt war er da nicht mehr so sicher. Diese Hartnäckigkeit sah Sylvain gar nicht ähnlich.

Auch seine, Carters, eigenen Gefühle für Allie hatten sich in letzter Zeit gewandelt. Wenn sie ihn anlächelte, tat sein Herz einen Sprung. Wenn sie über seine Scherze lachte, war der Tag gerettet. Dass sie tolle Beine hatte, versuchte er geflissentlich zu übersehen … Nun ja, zumindest hatte sie ihn noch nie dabei erwischt, wie er ihr hinterhergeschaut hatte.

Das Problem war nur … sie waren Freunde. Und wenn daraus mehr würde, wäre ihre Freundschaft für immer zerstört. Und das wollte er auf gar keinen Fall.

Allie sah zu ihm auf, blinzelte ihn mit diesen grauen Augen an, denen nichts zu entgehen schien, und wartete darauf, dass er sich zu den Vorkommnissen an ihrem ersten Tag als „Schulmörderin“ äußerte.

„Okay“, sagte er, „es gibt also zwei Möglichkeiten. Entweder hat sie das erste Gerücht nicht verbreitet und nutzt es nur aus, um weitere Gerüchte über dich und Jo zu streuen. Oder sie hat das erste Gerücht verbreitet, und das neue Gerücht ist nur Teil ihres teuflischen Plans.“

Allie zuckte zusammen.

„Wenn du mich fragst“, schloss er, „ich glaub, das zweite stimmt.“

„Und was sollen wir jetzt tun?“

Ohne um Erlaubnis zu fragen, setzte Allie sich auf den Rand seines Bettes und schaute dabei so selbstverständlich drein, als wäre sie in ihrem eigenen Zimmer. Mit einem Seufzer streckte sie die Beine aus.

Ihm wäre wohler gewesen, wenn sie das nicht getan hätte.

„Diese Gerüchte sollen so viel Schaden wie möglich anrichten, bis du am Ende vielleicht freiwillig die Schule verlässt. Für mich fühlt sich das wie ‘ne Kampagne an. Die wollen dich loswerden.“

Allie stieg die Zornesröte ins Gesicht. „Okay Carter. Schluss jetzt mit der blöden Geheimniskrämerei. Es ist allerhöchste Zeit, dass du mir alles über diesen Ort erzählst.“

Kommt gar nicht infrage.

Carter verschränkte die Arme vor der Brust und machte ein entschlossenes Gesicht. „Geht nicht, Allie, das weißt du doch …“

„Nee, nee …“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Diesmal kommst du mir nicht so leicht davon. Es gab eine Tote. Und irgendjemand versucht gerade, mein Leben hier zu zerstören. Was weiß ich, ob derjenige, der Ruth umgebracht hat, nicht als Nächstes hinter mir her ist? Du weißt Bescheid, und du behauptest, du wärst mein Freund. Also raus mit der Sprache. Sofort!“

Die Art, wie sie das Kinn reckte, wenn sie wütend wurde, war entzückend und bedrohlich zugleich.

„Du verstehst das nicht, Allie. Ich kann nicht. Denn wenn ich’s tun würde, und es käme je … “ Er schüttelte den Kopf. „Das wäre echt übel. Glaub mir.“

„Wie kann ich dir vertrauen, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst?“ Und leise fügte sie hinzu: „Vielleicht sollte ich eher zu Sylvain gehen und ihn fragen …“

Das war zu viel.

Carter kochte vor Wut und Frust. Er baute sich vor Allie auf und beugte sich über sie. Wenn er wollte, konnte er ganz schön furchteinflößend sein, und in diesem Moment wollte er genau das. Sie durfte in Sylvain keine Alternative sehen – Sylvain war nicht gut für sie.

„Willst du wissen, was du Sylvain bedeutest? Das kann ich dir sagen. Jedes Jahr sucht er sich ein hübsches Mädchen aus der Anfangsklasse aus, legt sie flach und serviert sie dann ab. So läuft das bei dem.“ Das war ein bisschen übertrieben; ganz so doll trieb Sylvain es dann doch nicht, aber ein bisschen was war schon dran. Und Carter wollte schließlich erreichen, dass Allie sich von ihm fernhielt. „Und jede von denen bildet sich ein, sie wär so etwas Besonderes. Das bist du für ihn, Allie. Seine neueste Eroberung.“

„Hör auf, Carter!“ Aus Allies Gesicht war die Farbe gewichen. Sie stieß ihn weg und sprang auf. „Wenn das stimmt, wieso hast du mir das nicht vorher gesagt, Carter?“

Sie stand genau vor ihm und sah ihm ins Gesicht, als könnte sie dort die Antwort finden.

Seine Zunge schien plötzlich wie gelähmt. „Ich … ich … ich hab’s ja versucht“, stotterte er.

Aber so leicht kam er ihr nicht davon. „Nach allem, was man hört, bist du ja selber so ein Weiberheld. Wo ist da der große Unterschied zu Sylvain?“

Das saß. „Sind das vielleicht dieselben Leute, die sagen, du hättest Ruth umgebracht?“

„Der Punkt geht an dich.“ Sie legte den Kopf schief und taxierte ihn. „Dann sag’s mir: Ist das, was die über dich sagen, gelogen?“

Was sollte er darauf antworten? Ja … und nein. Seine Gedanken eilten zurück zu Clares tränenüberströmtem Gesicht, nachdem er am Ende des letzten Trimesters mit ihr Schluss gemacht hatte. Wie ihre Freunde sich um sie geschart hatten, wie um sie vor ihm zu beschützen.

„Ja, Allie, es ist eine Lüge. Oder zumindest eine Übertreibung. Ich habe diesen … na ja, Ruf … weil ich sofort Schluss mache, wenn ich mit einer gehe und merke, dass sie nicht die Richtige ist. Und es war noch nicht die Richtige.“ Er verstummte.

Mann, das hörte sich vielleicht schwach an.

Eine Weile sagten sie beide nichts und schauten sich nur in die Augen. Er erwartete, dass sie ihn auslachen oder angewidert den Kopf schütteln würde. Doch sie rührte sich nicht. Sie war so nahe, dass er die winzigen dunkelblauen Punkte in ihren grauen Augen sah und ihre dunklen Wimpern, die sich an den Enden nach oben bogen.

Plötzlich hob sie die Hand.

„Okay“, sagte sie leise, und ihre Worte legten sich sanft wie Federn auf seine Haut. „Ich glaube dir.“

Ihr schwacher Duft tanzte in der Luft zwischen ihnen. Kurz schloss er die Augen und sog ihn ein. Warum stand sie so nah bei ihm?

Weg hier, Carter, sagte er sich. Vermassel nicht alles.

Doch als hätte eine fremde Macht von seinem Körper Besitz ergriffen, legte er seine Handfläche an ihre. Die Wärme ihrer Haut ließ ihn zusammenzucken.

„Danke“, hörte er sich sagen.

Halt die Klappe, Carter, dachte er verzweifelt.

„Wofür?“

„Dafür, dass du mir glaubst.“

Ihre Mundwinkel zuckten, sein Blick wurde magisch von ihnen angezogen. Seine Halsmuskeln spannten sich.

Plötzlich flochten sich ihre Finger ineinander.

Das war wirklich keine gute Idee …

Er sagte etwas. Irgendetwas, nur damit sie hierblieb und weiter seine Hand hielt.

Sie antwortete, doch er hörte nur das Rauschen des Bluts in seinen Ohren. Er zog sie an sich. Sie war jetzt so nah, dass er ihren Atem weich und warm auf seinem Gesicht spürte. Sie roch nach Pfefferminz und Jelängerjelieber. Ihm wurde ganz schwindelig.

Nun musste er sich nur noch etwas vorbeugen, um sie zu küssen.

Als ihre Lippen sich berührten, schien sie überrascht. Kurz war er so überzeugt, sie würde zurückweichen, dass er sie fast freiwillig losgelassen hätte. Doch dann schlang sie die Hände um seinen Hals und zog ihn an sich.

Während er den Griff um ihre Schultern fester schloss, spürte er die Erleichterung wie einen Strom kühlen Wassers.

„Das wollte ich schon so lange tun.“

Statt einer Antwort öffnete sie die Lippen und grub ihre Fingerspitzen fest in seinen Rücken. Ihr Mund schmeckte leicht salzig. Seine Hände pressten den Stoff ihrer Uniformbluse zusammen. Er zerquetschte sie fast mit seiner Umarmung.

Allie war so warm – wo immer ihre Körper sich berührten, fühlte es sich heiß an. In seinem Kopf drehte sich alles. Er wollte sie so fest an sich ziehen, dass sie nie mehr weglaufen könnte. Das Gefühl ihrer nahen Körper sollte ewig dauern.

Er küsste ihre Wangen, schob dann die Haarsträhnen an ihrem Hals beiseite und legte die Haut hinter ihrem Ohr frei. Als er zärtlich ins weiche Fleisch ihres Ohrläppchens biss, stöhnte sie leise, und sein ganzer Körper antwortete – sein Atem ging stoßweise, und sein Herz klopfte, als wollte es seine Rippen sprengen.

Sie fühlte sich so weich an. Weich, aber zugleich stark und voller Begierde – ihre Finger fuhren ihm durchs Haar, und sie zog seinen Mund zu ihrem herunter. Wie leicht konnte er sich darin verlieren. In ihr. All die schrecklichen Ereignisse vergessen und nur an das hier denken. Niemand wusste, dass sie zusammen waren, niemand würde hereinplatzen. Und etwas sagte ihm, dass sie aus irgendeinem Grund – aus ganz falschen Gründen vielleicht – nicht zurückweichen würde.

Doch etwas hielt ihn zurück: Das hier war nicht irgendein Mädchen, sondern Allie.

Er musste vorsichtig sein. Wie leicht hätte er jetzt alles kaputt machen können, zu weit gehen und sie verlieren.

Wie leicht hätte er wieder alles verlieren können.

Carter nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie ein letztes Mal. Dann entzog er sich voller Bedauern ihren Armen und wich zurück, bis er an der kühlen Wand neben der Tür stand, wo er versuchte, seinen schnellgehenden Atem zu beruhigen und nicht zu ihr zurückzulaufen, sie hochzuheben und zum Bett zu tragen, das gleich da drüben stand.

Allie stand wie erstarrt und sah ihn fragend an.

Er streckte die Hände aus. „Ich hasse es, den Erwachsenen zu spielen, aber wir sollten …“

Was zwischen ihnen passiert war, schien Allies Abwehrmechanismen geschwächt zu haben – es stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, was sie empfand. Erst schien sie verwirrt. Dann röteten sich ihre Wangen, und er ahnte, dass ihr das Ganze plötzlich peinlich war.

Er wich ihrem Blick nicht aus. Er wollte ihr zu verstehen geben, dass er sie nicht zurückwies. Er wusste, dass sie es verstehen würde. Sie konnte in ihm lesen wie in einem offenen Buch.

Schließlich begriff sie. Dann setzte sie ein so schönes Lächeln auf, dass sie zu leuchten schien.

„Ach so“, sagte sie. „Das ist es!“

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